Wie alles begann
Was 2001 mit einer Vision begann, ist heute eine Bewegung, die das Leben von Hunderttausenden Menschen geprägt hat. Die Wurzeln von newTree reichen zurück in die späten 1990er-Jahre, als erste Begegnungen in Burkina Faso und später die Aufbauarbeit in Benin deutlich machten: Nachhaltige Entwicklung entsteht nicht durch Hilfe von aussen, sondern durch die Stärkung lokaler Kompetenzen und Initiativen.
Von 1999 bis 2003 baute Franziska Kaguembèga-Müller während ihres Volontariats im Benin die bis heute bestehende Organisation Jura-Afrique Benin (JAB) auf. Gemeinsam mit lokalen Partnern entwickelte sie einen langfristigen forst- und landwirtschaftlichen Ansatz und initiierte einkommensschaffende Aktivitäten für Frauen und junge Menschen. Die Arbeit begann mit bescheidenen Mitteln und führte zur Überzeugung, dass eigene Strukturen nötig sind, um sie langfristig unabhängig weiterzuentwickeln und zu finanzieren. Noch während ihrer Zeit im Benin entstand daraus die Idee von newTree.
2001 gründete Franziska Kaguembèga-Müller gemeinsam mit Felix Küchler und Walter Kälin newTree. 2003 startete sie dessen Programmarbeit in Burkina Faso mit einem kleinen Team von drei Mitarbeitenden. Daraus entwickelte sich über die Jahre die Organisation Association tiipaalga mit heute über 100 Mitarbeitenden. Auch JAB blieb bestehen: Seit ihrer offiziellen Gründung als Partnerorganisation im Jahr 2008 unterstützt sie Bauernfamilien und entwickelt heute insbesondere den Ansatz der integrativen Betriebsplanung weiter.
Vom Projekt zur lokalen Bewegung
Die Überzeugung, dass langfristige Wirkung nur durch lokale Verantwortung entsteht, prägte auch den nächsten Schritt: 2005 wurde die burkinische Organisation tiipaalga (übersetzt newTree) als unabhängiger Verein gegründet. Seit 2012 setzt der Verein tiipaalga sämtliche Aktivitäten von newTree in Burkina Faso eigenständig um. Heute vereint tiipaalga Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen, die die gemeinsame Vision einer nachhaltigen Entwicklung in die Regionen des Landes tragen.
Mit der Natur statt gegen sie
Im Zentrum des Ansatzes von newTree, tiipaalga und Jura-Afrique Benin stand – und steht – die Überzeugung, dass ökologische und soziale Entwicklung zusammengehören. Früh zeigte sich, dass das reine Pflanzen von Bäumen nicht die nachhaltigste Lösung ist. Vielversprechender war es, bereits vorhandene Wurzeln und Samen auf degradierten Flächen zu schützen: Wenn sie vor freilaufenden Tieren bewahrt werden, können daraus vielfältige, an das Sahelklima angepasste Mischwälder entstehen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass nachhaltige Veränderungen nur dann Bestand haben, wenn die Bauernfamilien selbst Verantwortung übernehmen. Sie kennen ihre Böden und Bedürfnisse am besten und sind es, die ihre Arbeit und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben können.
Aus den Bedürfnissen der Bauernfamilien heraus entwickelte das wachsende Team gemeinsam mit ihnen weitere Lösungen für Landwirtschaft, Bodenschutz und alternative Einkommensmöglichkeiten. Dabei ging es nicht darum, den Familien die Nutzung ihrer Bäume zu verbieten, sondern darum, ihnen zusätzliche Einkommensquellen zu eröffnen, die kurzfristig wirken und gleichzeitig langfristig ihre Lebensgrundlagen sichern.
- Wer Bäume und Wälder schützen will, muss den Holverbrauch reduzieren und alternative Einkommensmöglichkeiten schaffen.
- Wer Hunger und Armut reduzieren will, muss die Bodenfruchtbarkeit verbessern.
- Wer Familien stärken will, muss Frauen, Jugendliche und Kinder einbeziehen.
Aus diesen Überzeugungen heraus ist unser heutiger Ansatz entstanden, der die Regeneration degradierter Flächen, nachhaltige Land- und Forstwirtschaft, energieeffiziente Kochstellen, einkommensschaffende Aktivitäten sowie Umweltbildung verbindet.

Alle Bereiche greifen ineinander und stärken die Widerstandsfähigkeit von Familien und Dorfgemeinschaften.
Ein prägendes Beispiel für eine gelungene ökologische und soziale Entwicklung sind die mit Zäunen geschützten Familienparzellen (Mises en Défens, MED, siehe auch Studie belegt Wirksamkeit geschützter Parzellen) in Burkina Faso. Was anfangs vielerorts auf Skepsis stiess, entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Massnahmen. Indem die Verantwortung bei der einzelnen Bauernfamilie liegt, entsteht ein direkter Anreiz, die Fläche langfristig zu schützen und zu bewirtschaften – und die daraus entstehenden Ressourcen auch an die nächste Generation weiterzugeben. 
Auf ehemals degradierten Flächen wachsen heute wieder Bäume, die Biodiversität kehrt zurück, und die Besitzerfamilie profitiert von diversifizierten Ernteprodukten, wie Nahrungsmittel (Blätter, Früchte, Honig etc.), Heilpflanzen (Blätter Früchte, Wurzeln), Tierfutter (Blätter, Stroh) und verbesserten Umweltbedingungen.
Frauen als Trägerinnen des Wandels
Eine zentrale Rolle spielen die sogenannten «Leaderfrauen» – Frauen, die von ihren Dorfgemeinschaften ausgewählt werden, um Wissen zu erlernen und weiterzugeben. Mit den energieeffizienten Kochstellen entwickelte newTree eine Lösung, die nicht nur den hohen Holzverbrauch reduziert, sondern auch Brand- und Verbrennungsrisiken senkt. Entscheidend war dabei, die Lösung an den Bedürfnissen und dem Alltag der Frauen auszurichten. Die Leaderfrauen vermitteln Kompetenzen im Bau, in der Nutzung und Wartung der Kochstellen sowie in einkommensgenerierenden Aktivitäten. Dieser Multiplikatorinnen-Ansatz ermöglicht eine rasche Skalierung: Bereits die Ausbildung weniger Leaderfrauen genügt, damit innerhalb kurzer Zeit nahezu alle Haushalte eines Dorfes mit energieeffizienten Kochstellen ausgestattet werden. Gleichzeitig stärkt das entstehende Frauennetzwerk den Wissensaustausch und die gegenseitige Unterstützung und trägt so nachhaltige Veränderungen in den Gemeinden.

Bilder: newTree: Frauengruppen beim gemeinsamen Bau von energieeffizienten Kochstellen, beim Verarbeiten der Ernte…

… und beim Verkauf auf dem lokalen Markt.
Zehntausende Frauen konnten so ihre Lebensgrundlagen verbessern und neue Perspektiven für ihre Familien schaffen. Viele Erfolgsgeschichten dieser Frauen zeigen, wie bereits kleine technische und wirtschaftliche Impulse ganze Lebenswege verändern können.
Kompetenzen vermitteln, die bleiben
Seit Beginn verfolgt newTree einen einfachen Grundsatz: Menschen sollen befähigt werden, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Deshalb stehen Wissens-/Kompetenzvermittlung und Ausbildung im Zentrum aller Aktivitäten.
Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der ökologischen Ausbildungszentren in Gampèla, Burkina Faso im Jahr 2006 und in Tanguiéta, Benin im Jahr 2014. In Burkina Faso entstand auf zehn Hektaren ein Ort des Lernens, Experimentierens und Austauschs, den seither Tausende Schülerinnen und Schüler, Bauernfamilien, Studierende, Forschende und internationale Gäste besucht haben. In Benin entstand ein Ort für Berufsbildungen im Bereich Imkerei, Fisch- und Geflügelzucht, die mit einem staatlich anerkannten Zertifikat abgeschlossen werden, sowie für Weiterbildungen für Bauernfamilien und «die grünen Mittwoche», Umweltworkshops für Kinder.

Bilder: newTree | Simon Opladen: Unterricht im Ausbildungszentrum 
… und im Garten.
Wissen wird heute aber vor allem direkt in den Dörfern bei den Bauernfamilien vermittelt. Berater: innen von tiipaalga und Jura-Afrique Bénin besuchen Dörfer in ihrem Einsatzgebiet und vermitteln teils an Dorfversammlungen, teils bei den einzelnen Familien praktische Fähigkeiten.
Der Wert dieses Ansatzes zeigt sich insbesondere auch in Zeiten von Krisen: Wissen über nachhaltige Landwirtschaft und Einkommensschaffung bleibt erhalten – selbst dann, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen.
Wirkung, die sichtbar wird
In den vergangenen 25 Jahren konnten über 1 Millionen Menschen direkt oder indirekt von den Aktivitäten profitieren. Hunderttausende Familien wurden begleitet, Tausende Frauen ausgebildet, Millionen von Bäumen geschützt oder am Wachsen und mehr als 300’000 Tonnen CO₂ gebunden.
Hinter diesen Zahlen stehen fruchtbarere Böden, höhere Erträge, zusätzliche Einkommensquellen und bessere Zukunftsaussichten für unzählige Familien. Sie stehen für Menschen, die erfahren haben, dass nachhaltige Veränderung möglich ist.
Nicht jeder Weg führt direkt ans Ziel
Im Laufe der Jahre wurde der Ansatz von newTree auch in weiteren Ländern erprobt und an unterschiedliche lokale Gegebenheiten angepasst. In Eritrea beispielsweise wurde unter anderem Schutzmassnahmen mit lokal verfügbaren Materialien getestet. Dabei zeigte sich, dass Steinmauern zwar einen wirksamen Schutz bieten können, jedoch aufwendig in der Umsetzung und im Unterhalt sind und geeignete Steine in unmittelbarer Nähe voraussetzen. Wo dies nicht gegeben war, erwiesen sich Metallzäune als praktikablere Alternative: Sie lassen sich schneller errichten und bieten einen nachhaltigen Schutz der Flächen. Nicht alle Projekte konnten langfristig weitergeführt werden – aufgrund politischer Entscheide, regionaler Krisen und unsicherer Rahmenbedingungen. Dennoch:
„Die Erfahrungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, den Ansatz flexibel zu gestalten und Lösungen an die jeweiligen lokalen und logistischen Gegebenheiten anzupassen.“
Fanziska Kaguembèga-Müller, Gründerin und Leiterin Programme newTree
Die Kraft der Partnerschaft auch künftig nutzen
Die Wirkungsgeschichte von newTree ist vor allem eine Geschichte gemeinsamer Verantwortung. Sie wurde möglich durch das Engagement von Mitarbeitenden, dem Vorstand und weiteren Freiwilligen von newTree, der Mitarbeitenden unserer Partnerorganisationen, Behörden, Dorfgemeinschaften sowie zahlreicher Spenderinnen und Spender.
25 Jahre newTree sind kein Abschluss, sondern ein Meilenstein. Angesichts von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und anhaltenden Unsicherheiten bleiben die Herausforderungen gross. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte, welches Potenzial in den Menschen und in der Regenerationskraft der Natur steckt.
Deshalb werden wir auch künftig Landschaften regenerieren, Familien weiter stärken – u.a. mittels der erfolgreichen Umsetzung der integrativen Betriebsplanung –, Wissen weitergeben, die lokalen Mitarbeitenden in Burkina Faso und Benin durch Capacity Building stärken, den Generationenwechsel in unseren Partnerorganisationen begleiten und gemeinsam mit den Menschen vor Ort nachhaltige Perspektiven schaffen sowie positive Veränderungen auf Gemeindeebene anstossen.