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Was Entwicklung bewirken kann – Begegnungen in Burkina Faso

Verfasst von Gabriela Kälin Veröffentlicht am 6 November 2026

Zum 20-Jahr-Jubiläum unseres Partners tiipaalga reiste eine Delegation von newTree nach Burkina Faso. Dort trafen wir auf engagierte Frauen, innovative Bauernfamilien und eine Organisation, die sich seit vielen Jahren gemeinsam mit den Menschen vor Ort für eine nachhaltige Entwicklung einsetzt. Unterwegs begegneten wir vielen kleinen Geschichten, die zeigen, was hinter dieser Arbeit steckt – und was sie für die Menschen vor Ort bedeutet.

Schon bei der Ankunft in Ouagadougou bekommen wir einen ersten Eindruck vom Land. Der Flughafen liegt mitten im Stadtzentrum. Wir fliegen über Häuser hinweg, bis plötzlich die Landebahn auftaucht. Jetzt, am Ende der Regenzeit, wird sichtbar, wie schlecht die aktuelle Saison verlief: In einigen Regionen hat es nur an etwas mehr als 20 Tagen geregnet, erzählt uns später ein Mitarbeiter von tiipaalga. Normalerweise regnet es während etwa 4 Monaten regelmässig. Das zeigt sich auch in den Landschaften, die wir während der Woche durchfahren. Während einzelne Landstriche grün und voller Gras sind, sehen wir andernorts ganze Felder mit verdorrter Hirse.

Wir sind hier, um das 20-jährige Bestehen von tiipaalga zu feiern. Gemeinsam mit dem Team, Bauernfamilien, Vertreterinnen und Vertretern anderer Partnerorganisationen und staatlichen Stellen blicken wir zurück, tauschen Erfahrungen aus und besuchen die Programmaktivitäten in ausgewählten Dörfern. Dabei interessiert uns besonders, was aus der langjährigen Zusammenarbeit entstanden ist.

Frauen, die etwas bewegen

Unser erster Besuch führt uns zu einer Frauengruppe, mit der tiipaalga seit mehreren Jahren zusammenarbeitet. Der Empfang ist herzlich: Trommeln, Gesang und Tanz begleiten uns in den Garten. Die Frauen zeigen uns, was sie gemeinsam aufgebaut haben.

In ihrem Gemeinschaftsgarten wachsen vor allem Bäume wie Baobab und Moringa. Deren nährstoffreiche Blätter werden geerntet und als Gemüse verwendet. Die Gruppe verfügt über einen eigenen Brunnen und erwirtschaftet gemeinsam ein Einkommen. Rund 80 Franken konnten die Frauen zusammenlegen – eine beachtliche Leistung.

Bild: newTree | Blätter einheimischer Baumarten sind eine wertvolle Nährstoffquelle. Getrocknet dienen sie später als Grundlage für Saucen.

Unsere Besuchergruppe stellt der Sprecherin der Frauengruppe viele Fragen. Gesprochen wird auf Mooré, für uns übersetzt ins Französische. Dabei wird das Selbstbewusstsein der Frauen spürbar. Die Sprecherin fragt uns ganz direkt: «Darf ich auch Fragen stellen?» Eine andere Frau liest uns später die Widmung vor, die sie zu Ehren von tiipaalga auf Französisch auf ihre Kochstelle geschrieben hat. Lesen und Schreiben stärkt ihr Selbstvertrauen – und ist in ihrem Umfeld für eine Frau noch immer etwas Besonderes.

Bild: newTree | Die junge Frau liest uns die Dekoration zu Ehren tiipaalgas auf ihrer Kochstelle vor.

Die Frauen wollen nicht einfach zuhören, sondern sich einbringen und ihre Zukunft mitgestalten. Das zeigt sich auch in ihren Plänen: Sie verhandeln mit den Verantwortlichen im Dorf über zusätzliche Flächen für ihren Garten.

Auch die Kochstellen haben eine ganz konkrete Wirkung. Eine Frau erzählt uns, dass das Holz, das früher für einen Tag reichte, heute zwanzig Tage ausreicht.

Ein weiteres Beispiel für gemeinschaftliches Engagement ist Rapadama. Hier arbeiten rund 140 Frauen gemeinsam an ihrem Garten. Sie haben einen neuen Brunnen gebaut, einen weiteren saniert und betreiben zwei Fischbecken mit Welsen und Karpfen. Besonders interessant ist ihre integrative Planung: Die Frauen haben eigene Ziele definiert und planen, mit welchen Mitteln sie diese erreichen wollen. Dazu gehören auch eigene Beiträge, beispielsweise durch den Verkauf von Tieren. Sie organisieren sich zunehmend selbst und übernehmen Verantwortung für die Entwicklung ihres Gartens.

Bild: newTree | Die Frauengruppe in Rapadama präsentiert uns ihren Betriebsplan und zeigt uns ihre Ernte.

«Dignité» – was Entwicklung wirklich bedeutet

Bei Moussa D.* besuchen wir zwei seiner durch Zäune geschützten Parzellen, sogenannte MED (mise en défens). Er arbeitet seit 2018 mit tiipaalga zusammen und zeigt uns stolz, was auf seinem Land entstanden ist.

Auf die Frage, wovon er am meisten profitiert hat, antwortet er mit einem einzigen Wort: «Dignité» – Würde.

Er sei weder der älteste, noch der reichste oder bekannteste Mann im Dorf. Aber derjenige, den die Menschen am häufigsten besuchen.

Wo früher kaum etwas vorhanden war, wachsen heute verschiedene Bäume und Pflanzen. Moussa hält Hühner und produziert Kompost. Seine Kinder haben von ihm gelernt, unterstützen ihn und wenden die Methoden selbst an. In einem sorgfältig geführten Saisonkalender hält Moussa fest, wann welche Arbeiten anstehen.

Er verschenkt und verkauft auch Produkte aus seinen Parzellen, etwa Gras und Stroh für Tiere oder Heilpflanzen.

Bakary Diakité, Geschäftsführer von tiipaalga, erklärt uns, dass die MED in erster Linie Schulungsorte sind. Die Bauernfamilien lernen dort die Methoden der Agrarökologie und die Zusammenhänge dahinter kennen – beispielsweise, wie Tierhaltung, Dung und Kompost in einem landwirtschaftlichen Kreislauf zusammenspielen. Nach Ablauf der vereinbarten Zusammenarbeit ist es wichtig, loszulassen: Die Familien sollen das Gelernte selbständig anwenden können. Deshalb wird auch einmal ein Auge zugedrückt, wenn Moussa Tiere in den Parzellen weiden lässt. Entscheidend ist, dass er selbst einschätzen kann, was seine Flächen vertragen.

Bild: newTree | Moussa spricht stolz von seinen Erfolgen. 

Wenn die Gemeinschaft selbst entscheidet

Einen besonders spannenden Einblick erhalten wir in einem Dorf östlich von Ouagadougou. Die Gemeinschaft gehört zu den ersten, die seit bald drei Jahren nach dem Ansatz «Reversing the Flow» arbeiten. Begleitet werden sie dabei von der Niederländischen Regierung (RVO) und tiipaalga.

Hinter dem Ansatz steckt ein grundlegender Perspektivenwechsel: Nicht die beteiligten Organisationen – in diesem Fall RVO und tiipaalga – bestimmen, welche Aktivitäten umgesetzt werden. Stattdessen identifiziert die Gemeinschaft selbst ihre Bedürfnisse, setzt Prioritäten und organisiert die Umsetzung. Mehr zu Reversing the Flow und ersten Erfahrungen mit dem Locally-led Prinzip.

In der Nähe des Dorfes sehen wir einen grossen, umzäunten Garten mit zwei gebohrten Brunnen, vorbereiteten und gemulchten Beeten sowie ersten Setzlingen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Anlage kaum von anderen Projektgärten. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, wie sie entstanden ist – und was die Zusammenarbeit darüber hinaus in der Gemeinschaft angestossen hat.

Bild: newTree | Eine Vertreterin des Dorfes berichtet von ihren Erfahrungen.

In einem Gespräch mit Ingeborg Krukkert und Sandra Cats von RVO erfahren wir, dass der Ansatz auch für die begleitenden Organisationen eine Herausforderung darstellt. Als sie gemeinsam mit tiipaalga die Gemeinschaften erstmals dazu aufforderten, eigene Vorschläge zu entwickeln und zu formulieren, was sie erreichen möchten, geschah zunächst wenig. Aus ihrer bisherigen Erfahrung mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit waren die Menschen in den Dörfern gewohnt, darauf zu warten, dass ihnen gesagt wird, was umgesetzt werden soll.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Viele Menschen verfügen bereits über Wissen, Ideen und eigene Vorstellungen davon, was sie brauchen. Was ihnen häufig fehlt, sind nicht in erster Linie neue Informationen, sondern geeignete Instrumente und eine unterstützende Begleitung, um sich zu organisieren, miteinander zu diskutieren und gemeinsame Prioritäten zu setzen. Der entscheidende Schritt ist ein Umdenken: weg von der Frage «Was wollen die anderen von uns hören?» hin zu «Was brauchen wir selbst?».

Auch tiipaalga und RVO mussten erst lernen, mit diesem offenen Ansatz umzugehen und Verantwortung abzugeben. Dafür braucht es Zeit, Offenheit, Flexibilität und Vertrauen – ebenso wie Transparenz und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Nicht zuletzt deshalb ist das Programm auf zehn Jahre angelegt.

Handwerk, Wissen und viel Erfahrung

In Gampéla besuchen wir das Ausbildungszentrum von tiipaalga. Was um 2005 noch eine karge Fläche mit wenigen alten Bäumen war, ist heute ein zehn Hektar grosses Gelände mit über 42 Baumarten.

Wir besichtigen die Ausbildungsräume und die neu gebaute Honigverarbeitungsstätte. Ambroise Zongo erklärt uns, wie der Honig gewonnen, geprüft und gelagert wird. Gemeinsam mit tiipaalga hat er verschiedene Verfahren erprobt und sich kontinuierlich weitergebildet. Heute gibt er sein Wissen selbst weiter und bildet andere aus. Die sorgfältige Verarbeitung zahlt sich aus: Der Honig von tiipaalga zeichnet sich durch seine hohe Qualität aus. Neben klassischem Honig produziert der Baumexperte auch besondere Sorten, darunter Karité-, Kinkeliba- und Ziziphus-Honig.

Bild: newTree | Ambroise Zongo zeigt uns, wie er aus den Waben Honig extrahiert.

Anschliessend lernen wir, wie eine Kompostgrube befüllt wird: Ein guter Kompost braucht pflanzliche, tierische und mineralische Bestandteile sowie Wasser. Entscheidend sind die richtigen Mengen und eine gute Verdichtung. Die grösste Herausforderung ist das Wasser, das gerade in der Trockenzeit knapp ist. Deshalb werden die Gruben vor der Regenzeit vorbereitet. Der Kompost kann dann bis zur nächsten Anbausaison reifen.

Dann dürfen wir selbst mitarbeiten. Gemeinsam mit Fatimata Maiga, der ersten Ausbildnerin für den Kochstellenbau bei tiipaalga, bauen wir eine Kochstelle aus Lehm, Stroh und Dung. Das Material wurde zuvor sechs Tage lang vorbereitet. Mit einem Zweig als Massstab und einem Kochtopf als Vorlage nimmt die Kochstelle Schritt für Schritt Form an.

Was auf den ersten Blick einfach aussieht, erfordert viel Erfahrung und handwerkliches Geschick. Fatimata hat die ersten Kochstellen gemeinsam mit Franziska Kaguembèga-Müller gebaut und die Methode seither kontinuierlich weiterentwickelt und perfektioniert.

Bild: newTree | Mit der Unterstützung von Fatimata ist in kürzester Zeit eine perfekte Kochstelle entstanden.

Auf der Rückfahrt erzählt mir Gabriel Marcacci von der Schweizerischen Vogelwarte, dass er während der drei bis vier Stunden in Gampéla allein durch «passives Hinhören» rund 33 Vogelarten am Gesang erkannt hat. Er schätzt, dass auf dem Gelände über 60 Arten vorkommen könnten.

Das Jubiläum

Bild: newTree | Vom Team newTree (v.l.): Peter Schmid (Vorstand), Franziska Kaguembèga-Müller (Gründerin & Leiterin Programme), Gabriela Kälin (Key Account Managerin), Dorothea Bergler (Vize-Präsidentin)

Das Jubiläum bringt Bauernfamilien, lokale Verantwortliche, Partnerorganisationen, Regierungsvertreter und Fachleute zusammen. Die Feierlichkeiten zeigen, wie stark tiipaalga in der Region verankert ist. Besonders eindrücklich sind die persönlichen Worte eines traditionellen Würdenträgers aus dem Norden, der ohne vorbereitete Rede spricht und seine Wertschätzung für tiipaalga ganz unmittelbar zum Ausdruck bringt.

Bild: newTree | Seine Majestät Naaba Sãnem, traditioneller Chef von Ziniaré (Bassitenga) spricht tiipaalga seine Dankbarkeit für die Zusammenarbeit aus.

„Wir brauchen nicht diejenigen, die kommen, um uns etwas zu geben, sondern diejenigen, die kommen, um uns etwas beizubringen. Sie lehren uns, besser zu arbeiten. Sie haben uns geholfen, unser Land zurückzugewinnen und unser Land wieder zu begrünen. […] Was Sie tun, tun Sie nicht nur für uns und nicht nur für heute. Sie laden uns dazu ein, sinnvoll zu arbeiten und für die kommenden Generationen von Nutzen zu sein. […] Ihre gesamte Hilfe ist konkret. Sie arbeiten, und das, was Sie schaffen, bleibt hier.“

Naaba Sãnem, traditioneller Chef von Ziniaré (Bassitenga)

Auch der fachliche Austausch macht deutlich, wie viel in den vergangenen Jahren entstanden ist – von der Wiederherstellung degradierter Böden über nachhaltige Landwirtschaft bis zu effizienten Kochstellen. Gleichzeitig werden neue Herausforderungen sichtbar: ausbleibende Regenfälle, die Sicherheitslage und bürokratische Hürden.

Was wir von dieser Reise mitnehmen, ist mehr als eine Sammlung von Projekterfolgen. Es sind Begegnungen, die zeigen, wie sich Entwicklung über die Jahre verändert:

  • Frauen, die selbstbewusst Fragen stellen und gemeinsam wirtschaften.
  • Ein Bauer, der durch seine Arbeit Würde und Anerkennung gewonnen hat.
  • Kinder, die das Wissen ihrer Eltern weitertragen.
  • Und Gemeinschaften, die zunehmend selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen möchten.

Manchmal ist diese Wirkung sichtbar – in einem Garten, einer Kochstelle oder einem wachsenden Baum. Manchmal braucht es ein Gespräch, um sie zu erkennen.

Und manchmal reicht ein einziges Wort: Dignité.

*Name aus Persönlichkeitsschutzrechten geändert.